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Bildung und Digitale Medien – Typische Denkmuster

Montag, 25. Januar 2016

Mitglieder der zweiten Generation der Digital Natives, also diejenigen, die mit dem mobilen Web aufwachsen, halten sich nahezu 24 Stunden darin auf. Das ist der Unterschied zur ersten Generation der Digital Natives, der jetzigen Altersgruppe U40 oder z.B. zur MTV Generation, deren Lebenswelt auch stark von Medien geprägt war. Bei diesen Generationen gab es automatisch (wenn auch in fallender Tendenz) Medienauszeiten. Die Mediennutzung war nicht allgegenwärtig. Heute dagegen ist die Digitale Medienwelt eine Lebenswelt. Punkt. Das Ausbildung, bzw. das das Bildungssystem in irgendeiner Form auf diese Entwicklung reagieren muss oder wird, ist nicht besonders strittig. Sehr kontrovers wird aber diskutiert, wie und in welchem Maß das geschehen soll.

Pro „Bildung ganz neu denken“: Einerseits kann man argumentieren, dass sich Angehörige dieser 2te Generation in der Digitale Medienwelt wie Meeressäuger im Wasser bewegen. Im Umkehrschluss gilt, wenn man mal bei dem Vergleich bleibt: nimmt man diesen jungen Menschen (z.B. in der Schule) die Digitalen Medien weg, dann ist das so, als wöllte man Delphine an Land trainieren. Das Resultat wäre eindeutig, dort würden sie keine Tricks lernen, sondern einfach sterben. Es gibt natürlich auch die Möglichkeit eines Vergleiches in abgeschwächter Form: Das Problem für die Delphine ist die Begrenzung ihrer Lebenswelt auf das Bassin/das Delphinarium. Es ist einfach ein viel zu kleiner, eingeschränkter Bereich, dort sterben sie zwar nicht, aber sie werden gequält, eigentlich bräuchten sie die unendlichen Weiten der Ozeane, um sich frei zu entwickeln. Genau so ist das auch mit den Schülern in der Schule. Deshalb muss man das Bildungssystem ganz neu denken.

Kontra „Bildung ganz neu denken“: Wir bleiben bei den Meeressäugern. Für die Vertreter eines klassischen Bildungssystems begeben sich Schüler ins Digitale Medium, so wie sich eine Herde Wale an den Strand begibt. Für die Wale ist es der Weg in die absolute Bewegungslosigkeit. Wenn sie niemand ins Wasser zurück rollt, sterben sie. Genau so ist die Digitale Medienwelt ist kein natürlicher Lebensraum für Menschen und Schüler sind Menschen. Sie brauchen bestimmte natürliche Voraussetzungen unter denen sie tatsächlich leben und sich entwickeln können. Alles andere ist eine gefährliche Illusion, die Schüler sind desorientiert oder sie folgen einfach einem schlechten Beispiel. Deshalb muss das Bildungssystem vor der Benutzung der Digitalen Medienwelten warnen.

Versteckt werden diese beiden Argumentation übrigens auch gern hinter einem simplen, vorgeschobenen Argument, dass Schule gar nicht mehr leisten kann, weil Schule nun mal so ist, wie sie ist. Darin sind sich Pro und Contra Front übrigens erstaunlich einig. Nur, dass für die einen, dies dann eben Grundlage ist, zu sagen: Ja, wir müssen Bildung neu denken, weil unsere Bildungseinrichtungen abgeschafft gehören. Und für die Anderen: Nein, wir können Bildung nicht neu denken, weil unsere Bildungseinrichtungen dafür keine Kapazitäten haben.

Mit ein wenig Abstand wird klar, dass beide Argumentationen irgendwie plausibel wirken. Dabei handelt sich schlicht um zwei unterschiedliche Perspektiven auf Welt, zwei unterschiedliche Denkmuster, die die jeweils passenden Sachverhalte in den Vordergrund rücken und die andern verdrängen, um eine möglichst endgültige Lösung präsentieren zu können. Im allgemeinen Streit um das, was ist Fakt: rot oder grün, schwarz oder weiß, geraten die Details aus dem Fokus, werden die praktischen Vermittlungsansätze, die alltäglichen Herausforderungen vergessen. Wie fast immer brauchen wir Kompromisse. Die Pro-Seite ist nicht besonders kompromissbereit, denn sie fühlt das Recht der Zukunft, des Neuen auf ihrer Seite, unsere Zeit wird kommen, die andere Seite muss nachgeben, sonst wird sie zerstört. Die Contra-Seite ist nicht besonders kompromissbereit, sie verfährt nach der Devise: wehret den Anfängen, sie hat Angst, dass sie, wenn sie nachgibt, überrumpelt wird und alles althergebrachte Gute zerstört wird.

Wie könnten die Kompromisse aussehen. Was hätten sich die beiden Lager denn nun vielleicht zu bieten?